Autonome Revolution auf der Letzten Meile: Colruyt drückt weiter aufs Gaspedal

Der belgische Marktführer Colruyt sorgt erneut für Aufsehen – und diesmal rollt die Innovation wortwörtlich durch die Straßen von Löwen bei Brüssel.

Colruyt Supermarkt in Frankreich

Nach einer Pause schickt der Händler wieder autonome Lieferfahrzeuge in den Testbetrieb. Ziel: Online-Bestellungen aus dem hauseigenen Shop „Collect & Go“ direkt zu den Kundinnen und Kunden bringen – ganz ohne Fahrer an Bord. Was nach Science-Fiction klingt, ist in Belgien längst Realität auf Probe. Laut der Wirtschaftszeitung De Tijd startet Colruyt in den kommenden Monaten einen breit angelegten Feldversuch. Anders als beim ersten Testlauf vor drei Jahren soll diesmal nicht nur eine kleine, streng definierte Route bedient werden. Statt 30 ausgewählter Haushalte wird nun ein ganzes Postleitzahlengebiet in Löwen einbezogen. Ein klares Signal: Der Lebensmittelhandel meint es ernst mit der autonomen Zustellung.

Vom Pilotprojekt zur echten Markterprobung

Bereits vor drei Jahren hatte Colruyt gemeinsam mit dem estnischen Hersteller Clevon erste Erfahrungen gesammelt. Damals fuhren die kleinen Lieferroboter auf einer festgelegten Strecke zwischen Lager und Abholstation. Das Projekt wurde jedoch gestoppt, nachdem Clevon vom US-Investor Indi-Go – einer Beteiligung des Logistikriesen FedEx – übernommen wurde. Die autonomen Lebensmittelkonzepte landeten zunächst in der Schublade.

Doch jetzt sind sie zurück – und offenbar stärker denn je. Die neuen Eigentümer haben die Fahrzeuge überarbeitet, leichter konstruiert und technologisch aufgerüstet. Intelligenter, effizienter, marktnäher. Seit Ende vergangenen Jahres rollen die ersten Einheiten wieder.

Der Unterschied zum früheren Test ist gravierend: Statt eines abgeschotteten Mini-Experiments wird nun unter realistischen Marktbedingungen geprüft, ob autonome Lieferungen wirtschaftlich tragfähig sind. Genau das ist die Gretchenfrage der Branche. Denn die Letzte Meile gilt als teuerster Abschnitt der gesamten Lieferkette. Personalkosten, Zeitdruck, Verkehrsprobleme – hier entscheidet sich, ob Online-Lebensmittelhandel profitabel betrieben werden kann.

5G als Turbo für den Handel der Zukunft

Foto: Rewe

Ein zentraler Baustein des neuen Tests ist das 5G-Netz. Der Telekommunikationsanbieter Telenet hat in Löwen gezielt die Infrastruktur ausgebaut, damit die autonomen Shuttles stabil, schnell und ohne Unterbrechung navigieren können. Ohne leistungsfähige Echtzeit-Datenübertragung wäre ein solches Projekt schlicht unmöglich. Ganz ohne menschliche Kontrolle geht es allerdings noch nicht. Laut Bericht wird es zunächst einen Mitarbeiter geben, der die Fahrzeuge aus der Ferne überwacht und im Bedarfsfall eingreifen kann. Vollautonom? Noch nicht ganz. Aber der Schritt in diese Richtung ist deutlich.

Für den Lebensmittelhandel ist das Projekt mehr als nur ein Technikspielplatz. Es geht um nichts Geringeres als die Zukunft der Zustellung. Während andere Händler ihre Versuche eingestellt haben – etwa Rewe in Hamburg oder die baltische Rewe-Tochter Iki – wagt Colruyt einen neuen Anlauf. Mut oder kalkuliertes Risiko? Wahrscheinlich beides.

Signalwirkung für die Branche

Sollte sich das Konzept als profitabel erweisen, könnte Belgien zum Vorreiter einer neuen Logistik-Ära werden. Autonome Fahrzeuge versprechen niedrigere Personalkosten, flexible Einsatzzeiten und eine bessere Skalierbarkeit. Gerade in Zeiten steigender Löhne und wachsender Online-Nachfrage ist das ein strategischer Hebel. Doch es bleiben Herausforderungen: Akzeptanz bei den Kunden, rechtliche Rahmenbedingungen, Sicherheitsfragen im Straßenverkehr. Ein breiter Test wie jetzt in Löwen ist daher mehr als ein Pilotprojekt – er ist ein Stresstest für das Geschäftsmodell der Zukunft.

Colruyt setzt damit ein deutliches Zeichen: Der stationäre Handel allein reicht nicht mehr. Wer Marktführer bleiben will, muss Technologie nicht nur beobachten, sondern aktiv gestalten. Die autonome Lieferung ist kein fernes Zukunftsszenario mehr – sie rollt bereits durch die Straßen Belgiens.

Und vielleicht schon bald auch durch andere europäische Städte.

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