Aldi Nords stille Erfolgsgeschichte: Warum das Ausland plötzlich zum wichtigsten Wachstumsmotor wird

Während sich viele Händler im deutschen Lebensmitteleinzelhandel auf einen immer härter umkämpften Heimatmarkt konzentrieren, zahlt sich für Aldi Nord eine Strategie aus, die lange Zeit kaum Erfolge versprach: die konsequente Expansion im Ausland. Nach Jahren der Stagnation entwickelt sich das internationale Geschäft zunehmend zur tragenden Säule des Discounters. Die Zahlen zeigen deutlich: Zwei Drittel des zusätzlichen Umsatzes der vergangenen fünf Jahre stammen aus den Auslandsmärkten.
Für den deutschen Lebensmitteleinzelhandel ist das ein bemerkenswertes Signal. Denn während die Wachstumsmöglichkeiten in vielen etablierten Märkten begrenzt sind, gelingt es Aldi Nord zunehmend, in europäischen Nachbarländern Marktanteile zu gewinnen und neue Ertragspotenziale aufzubauen.
Vom Heimatmarkt unabhängiger werden

Frankreich ist inzwischen der wichtigste internationale Wachstumstreiber von Aldi Nord. Gleichzeitig gewinnen die Essener auch in den gesättigten Märkten Deutschland und Belgien weiter Marktanteile. Grafik: Supermarkt-Inside
Mit einem Nettoumsatz von 31,4 Milliarden Euro bleibt Deutschland zwar weiterhin der wichtigste Markt für Aldi Nord. Rund 47 Prozent des Umsatzes werden hierzulande erwirtschaftet. Dennoch verfolgt das Unternehmen seit Jahren konsequent das Ziel, die Abhängigkeit vom Heimatmarkt zu reduzieren.
Die strategische Grundlage dafür legte der ehemalige CEO Torsten Hufnagel. Seine Überzeugung war klar: Künftiges Wachstum kann nur aus dem Ausland kommen. In Deutschland, Belgien oder den Niederlanden sind die Standortnetze weitgehend ausgebaut. Zusätzliche Filialen lassen sich dort kaum noch wirtschaftlich entwickeln.
Was bedeutet das für den Handel?
| Kernaussage | Bedeutung für den LEH | |
|---|---|---|
| 🇩🇪 | Deutschland bleibt wichtigster Gewinnbringer | Der Heimatmarkt finanziert weiterhin einen großen Teil der internationalen Expansion. |
| 🌍 | Die größten Wachstumschancen liegen im Ausland | Neue Umsatzpotenziale entstehen vor allem in europäischen Wachstumsmärkten. |
| 🇫🇷 | Frankreich wird zum Hoffnungsträger | Nach Jahren hoher Verluste zeigt die Sanierung des Filialnetzes erstmals Wirkung. |
| 🇪🇸 🇵🇱 | Spanien und Polen bieten enormes Potenzial | Niedrige Marktanteile lassen Raum für weitere Expansion und Marktanteilsgewinne. |
| 🏆 | Lidl bleibt der Maßstab | Der Wettbewerber zeigt, wie internationale Expansion zur Ertragssäule werden kann. |
Diese Strategie trägt nun sichtbar Früchte. Unter dem neuen CEO Nicolas de Lope gewinnt Aldi Nord nach Unternehmensangaben mittlerweile in sämtlichen Ländern Marktanteile hinzu. Besonders bemerkenswert: Die Fortschritte entstehen nicht nur durch Modernisierung bestehender Filialen, sondern auch durch eine deutlich stärkere Expansion.
Frankreich entwickelt sich bei Aldi Nord zum Hoffnungsträger

Der größte Erfolg zeichnet sich derzeit in Frankreich ab. Dort profitierte Aldi Nord von der Übernahme der Supermarktkette Leader Price im Jahr 2020. Die Integration erwies sich zunächst als aufwendig und kostspielig. Hunderte Standorte mussten modernisiert, erweitert oder neu aufgebaut werden.
Doch nach fünf Jahren zeigen sich die Ergebnisse. Das französische Filialnetz wurde deutlich verbessert und Aldi entwickelt sich zunehmend zu einem relevanten Wettbewerber im Markt. Nach Jahren hoher Verluste gehört der Discounter inzwischen zu den Gewinnern der laufenden Konsolidierung des französischen Lebensmittelhandels.
Für Aldi Nord besitzt Frankreich strategische Bedeutung. Das Land zählt zu den größten Lebensmittelmärkten Europas. Gelingt es dort dauerhaft profitable Strukturen aufzubauen, könnte Frankreich mittelfristig zu einer wichtigen Ertragssäule des Unternehmens werden.
Spanien, Portugal und Polen: Das Potenzial ist noch längst nicht ausgeschöpft

Biedronka, führender Discounter in Polen /Foto: Supermarkt-Inside
Neben Frankreich richtet sich der Blick des Managements vor allem auf Südeuropa. In Spanien hat Aldi Nord mittlerweile die Marke von 500 Filialen überschritten. Der Umsatz liegt dort inzwischen bei mehr als zwei Milliarden Euro. Trotz dieser Entwicklung beträgt der Marktanteil erst 2,9 Prozent. Das verdeutlicht, wie viel Wachstumspotenzial noch vorhanden ist.
Ähnlich stellt sich die Situation in Portugal dar. Dort hat Aldi seit 2020 die Anzahl seiner Märkte nahezu verdoppelt. Dennoch liegt der Marktanteil ebenfalls erst bei 2,9 Prozent. Besonders deutlich wird die Herausforderung beim Vergleich mit Mercadona. Die spanische Handelskette ist erst 2019 in Portugal gestartet und hat innerhalb weniger Jahre bereits rund sieben Prozent Marktanteil erreicht.
Noch größer ist die Aufgabe in Polen. Zwar eröffnete Aldi Nord seit 2020 rund 250 zusätzliche Filialen, doch der Marktanteil liegt weiterhin bei lediglich 1,2 Prozent. Branchenriesen wie Biedronka, Żabka und Lidl investieren dort massiv in Expansion und erschweren den Aufstieg neuer Wettbewerber.
Belgien und Deutschland überraschen mit den stärksten Zuwächsen
Interessanterweise kommen die größten Marktanteilsgewinne nicht aus den jungen Wachstumsmärkten, sondern aus den gesättigten Märkten Deutschland und Belgien.
In Belgien zählt Aldi inzwischen zu den dynamischsten Händlern des Landes und konnte sich zuletzt deutlich verbessern. Auch in Deutschland entwickelt sich das Geschäft stabil. Das zeigt, dass Modernisierung, Sortimentsanpassungen und Investitionen in die Filialqualität selbst in reifen Märkten noch erhebliche Wachstumseffekte erzeugen können.
Für den gesamten Lebensmitteleinzelhandel ist das eine wichtige Erkenntnis. Wachstum entsteht heute nicht mehr ausschließlich durch neue Standorte. Ebenso entscheidend sind moderne Märkte, effiziente Prozesse und eine klare Positionierung gegenüber dem Wettbewerb.
Lidl bleibt der Maßstab

Lidl in Santanyí / Foto: Supermarkt-Inside
Trotz aller Fortschritte bleibt Lidl für Aldi Nord weiterhin das wichtigste Vorbild im Auslandsgeschäft. Die Schwarz-Tochter verfügt in allen relevanten Aldi-Nord-Ländern über deutlich höhere Marktanteile und hat vorgemacht, wie internationale Expansion zu einer nachhaltigen Ertragssäule werden kann.
Für Aldi Nord beginnt nun die entscheidende Phase. Die Investitionen der vergangenen Jahre sind erfolgt, die Filialnetze wurden ausgebaut und modernisiert. Jetzt muss daraus dauerhaft profitables Wachstum entstehen.
Die Entwicklung der vergangenen fünf Jahre zeigt jedoch bereits deutlich: Aldi Nord ist auf dem Weg, sich von seiner traditionellen Deutschland-Abhängigkeit zu lösen. Das Ausland entwickelt sich zunehmend vom Sorgenkind zum Wachstumsmotor – und könnte in den kommenden Jahren zu einem der wichtigsten Erfolgsfaktoren des Unternehmens werden.
Was haltet ihr von diesem spannenden Thema? Bitte schreibt uns indes eure Meinung auf Supermarkt Inside.
Fotos: Archiv Supermarkt-Inside und wie gekennzeichnet


