Angriff aus dem LEH: Warum die Schwarz-Gruppe zum Cloud-Giganten werden will

Die Karten im globalen Cloud-Geschäft scheinen längst verteilt zu sein, oder?

Amazon, Microsoft und Google dominieren die digitale Infrastruktur der Welt – mit gigantischen Rechenzentren, Milliardeninvestitionen und einer scheinbar uneinholbaren Marktstellung. Doch nun kommt ein neuer Herausforderer aus einer Branche, die bislang kaum jemand auf der Rechnung hatte: der Lebensmitteleinzelhandel.

Die Schwarz-Gruppe aus Neckarsulm, bekannt als Mutterkonzern von Lidl und Kaufland, hat erstmals offiziell bestätigt, dass sie zu den größten Cloud-Anbietern der Welt aufsteigen will. „Das ist das Ziel, was wir haben“, erklärte Christian Müller, Co-Vorsitzender der Digitalsparte Schwarz Digits, in einem Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur.

Damit wird klar: Die Digitalstrategie des Handelsriesen geht weit über interne IT-Lösungen hinaus. Schwarz will nicht nur Händler bleiben – sondern auch globaler Infrastruktur-Anbieter für die digitale Wirtschaft werden.

Vom Discounter zur digitalen Infrastruktur

Foto: Schwarz Unternehmenskommunikation GmbH & Co. KG

Für viele Branchenbeobachter kommt diese Entwicklung überraschend. Schließlich verbindet man die Schwarz-Gruppe in erster Linie mit Supermärkten, SB-Warenhäsern und Discountern, Filialexpansion und aggressiven Preisstrategien. Doch hinter den Kulissen arbeitet der Konzern schon seit Jahren daran, seine IT-Kompetenzen massiv auszubauen.

Der Kern dieser Strategie heißt Stackit – die Cloud-Plattform der Schwarz-Gruppe. Sie bietet Unternehmen und öffentlichen Institutionen Rechenleistung, Datenspeicherung und digitale Infrastruktur aus europäischen Rechenzentren an.

Im Grunde handelt es sich um genau das Geschäftsmodell, mit dem die großen US-Technologiekonzerne Milliarden verdienen. Unternehmen lagern ihre Daten und Anwendungen in externe Rechenzentren aus und greifen über das Internet darauf zu. Für viele Firmen ist das inzwischen die Grundlage ihrer gesamten IT.

Die globalen Marktführer in diesem Geschäft sind die sogenannten Hyperscaler: Amazon mit Amazon Web Services (AWS), Microsoft mit Azure, Google mit Google Cloud und der chinesische Anbieter Alibaba Cloud. Gemeinsam dominieren sie den internationalen Markt.

Dass ein Handelskonzern aus Deutschland in diese Liga aufsteigen möchte, wirkt daher auf den ersten Blick kühn. Doch Schwarz bringt zwei entscheidende Vorteile mit: enorme Finanzkraft und jahrzehntelange Erfahrung im Betrieb hochskalierter IT-Systeme für den Handel.

Schwarz-Gruppe: Milliardenprojekt in Brandenburg

Foto: © 2025 Schwarz Digits

Wie ernst es dem Konzern mit seinen Ambitionen ist, zeigt ein gigantisches Infrastrukturprojekt. In Brandenburg/Lübbenau baut die Schwarz-Gruppe derzeit ihr bislang größtes Rechenzentrum – ein Projekt mit einem Investitionsvolumen von rund elf Milliarden Euro.

Solche Summen sind im Cloud-Geschäft keine Seltenheit. Hyperscaler investieren weltweit Milliarden, um neue Rechenzentren zu errichten. Denn wer im Cloud-Markt bestehen will, braucht gewaltige Kapazitäten, leistungsfähige Server und extrem zuverlässige Netzinfrastruktur.

Das geplante Rechenzentrum soll künftig eine zentrale Rolle für Stackit spielen und Kunden aus Wirtschaft, Verwaltung und Gesundheitswesen bedienen. Besonders für Behörden und kritische Infrastrukturen könnte ein europäischer Cloud-Anbieter attraktiv sein.

Denn viele Organisationen stehen vor einem Dilemma: Sie brauchen leistungsfähige Cloud-Dienste, möchten ihre sensiblen Daten jedoch nicht unbedingt US-amerikanischen Tech-Konzernen anvertrauen. Genau hier setzt die Strategie der Schwarz-Gruppe an.

Behörden und Kliniken als Türöffner

Foto: Supermarkt-Inside

Tatsächlich gelingt es Stackit bereits, erste größere Kunden zu gewinnen. In den vergangenen Wochen wurden mehrere Vertragsabschlüsse bekannt – darunter Kooperationen mit Behörden und Klinikverbünden.

Gerade im öffentlichen Sektor wächst der Druck, digitale Infrastruktur aufzubauen, ohne sich vollständig von internationalen Technologiekonzernen abhängig zu machen. Datensouveränität und europäische Cloud-Lösungen sind deshalb zu politischen Schlüsselthemen geworden.

Für Schwarz eröffnet sich hier eine strategische Marktnische. Während Amazon, Microsoft und Google weltweit agieren, positioniert sich Stackit bewusst als europäische Cloud mit Fokus auf Datenschutz und regulatorische Sicherheit.

Auch für den Lebensmittelhandel selbst könnte dieser Schritt langfristig Folgen haben. Die Digitalisierung von Lieferketten, Logistiksystemen und Filialprozessen erzeugt enorme Datenmengen. Wer die Infrastruktur dafür selbst betreibt, gewinnt wertvolle technologische Kontrolle.

Der Vorstoß der Schwarz-Gruppe zeigt daher, wie stark sich die Grenzen zwischen Branchen verschieben. Händler werden zu Technologieunternehmen, Logistikfirmen zu Datenplattformen – und Supermarktketten zu Cloud-Anbietern.

Ob Schwarz tatsächlich eines Tages in einer Liga mit den globalen Hyperscalern spielen kann, bleibt offen. Der Markt ist hart umkämpft, und die Investitionen sind gewaltig.

Doch eines ist bereits jetzt klar: Der Angriff aus Neckarsulm bringt Bewegung in ein Geschäft, das lange von wenigen Tech-Giganten dominiert wurde. Und plötzlich mischt ausgerechnet ein Discounter im Rennen um die digitale Infrastruktur der Zukunft mit.

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