Blockchain galt im Handel schon länger als ein Instrument zur Rückverfolgbarkeit von Lebensmitteln. Doch während die Herkunftsdaten weiterhin wichtig bleiben, verschiebt sich die Perspektive deutlich.

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Viele Händler sehen heute Potenzial vor allem dort, wo digitale Prozesse schon jetzt zum Alltag gehören: beim Belegwesen, in der Kundenbindung, in der Dokumentation von Preisaktionen und bei der Erfüllung neuer ESG-Pflichten. Die Technologie rückt damit näher an Themen, die direkt den Filialbetrieb betreffen – und weniger an groß angelegte, global ausgerichtete Transparenzsysteme. Für den Lebensmitteleinzelhandel eröffnet sich so ein realistischerer Blick auf mögliche Einsatzfelder, die in Zukunft relevant werden könnten.
Traceability und Payments
Die meisten Blockchain-Projekte der vergangenen Jahre konzentrierten sich auf Herkunftsnachweise. Technisch funktioniert das: Mehrere internationale Handelskonzerne haben gezeigt, dass sich Produktionsschritte und Qualitätsdaten auf Blockchains abbilden lassen. Die Wertschöpfung verschiebt sich aber zunehmend zu anderen Bereichen, in denen Datenqualität und Fälschungssicherheit ebenfalls entscheidend sind – nur viel näher am operativen Tagesgeschäft.
Ähnliches gilt für Blockchain-Payments. Stablecoins, Instant-Settlement und programmierbare Zahlungen gewinnen global an Bedeutung, vor allem in digitalen Märkten und grenzüberschreitenden Plattformmodellen. Jedoch sind sie verstärkt in eher technikaffinen Sektoren bedeutsam, wie etwa bei digitalen Dienstleistungsplattformen oder in der Creator-Ökonomie, wo schnelle, gebührenarme Mikrotransaktionen und globale Auszahlungen eine zentrale Rolle spielen. Auch im globalen iGaming ist es verbreitet mit Kryptowährungen einzahlen zu können. Die Branche profitiert von Geschwindigkeit, Sicherheit und zunehmend auch von der Nachverfolgbarkeit bestimmter Spielergebnisse.
Für den Lebensmitteleinzelhandel, der stark auf breite Kundenakzeptanz, etablierte Zahlungswege und geringe Prozessrisiken angewiesen ist, bleiben diese Entwicklungen derzeit jedoch eher Randthemen. Der größte Mehrwert für Händler entsteht nach aktuellem Stand nicht im Kassenbereich, sondern an anderen Stellen der Prozesskette.
Kundenbindung neu denken
Digitale Kundenprogramme gehören zu den wirkungsvollsten Werkzeugen im Handel, und sie werden durch Wettbewerb, Inflation und verändertes Kaufverhalten wichtiger denn je. Blockchain kann hier eine Rolle spielen, weil sie die Grundlage bieten könnte, Treuepunkte transparenter, übertragbarer und fälschungssicher zu gestalten. Anders als heute ließen sich Bonuspunkte oder digitale Sammelobjekte so strukturieren, dass sie zwischen Partnern geteilt, dynamisch bepreist oder über Haushalte hinweg genutzt werden können – ohne komplexe IT-Strukturen aufzubauen.
Dass solche Systeme funktionieren, zeigen internationale Beispiele wie Starbucks Odyssey oder das Lufthansa-Programm Uptrip, die 2024/25 erweitert wurden und digitale Sammelobjekte in bestehende Bonusmodelle einbinden. Für Händler im LEH ergibt sich daraus ein potenzieller Vorteil: Programme könnten attraktiver gestaltet werden, ohne die operative Komplexität zu erhöhen. Gleichzeitig ließe sich Manipulation erschweren, etwa bei Coupons oder Mehrfachbonifizierungen.

EDEKA Einsatz des E-Bons im E-Center Wolmirstedt
Digitale Bons und manipulationssichere Belege
Kaum ein Thema wird im Handel so kontinuierlich diskutiert wie der Kassenbon. Die Debatte über die Abschaffung des Papierbons, die 2025 erneut politische Aufmerksamkeit erhält, zeigt, dass digitale Alternativen unvermeidlich werden. Doch digitale Belege müssen fälschungssicher, nachvollziehbar und revisionsfähig sein – Anforderungen, die heute nur teilweise erfüllt werden.
Blockchain-basierte Datenmodelle werden in Studien als mögliche Grundlage für manipulationssichere Digitalbons beschrieben. Sie könnten helfen, unterschiedliche Belegformen einheitlich zu verwalten und den Aufwand für Archivierung, Prüfprozesse und Schnittstellen zu reduzieren – bei gleichzeitig höherer Rechtssicherheit.
Zudem gehören Preisfehler zu den teuersten Reibungsverlusten im stationären Handel. MHD-bezogene Rabatte, spontane Preisänderungen oder saisonale Aktionen erhöhen die Komplexität zusätzlich.
Blockchain kann hier als unveränderbare Dokumentationsebene dienen: Preisänderungen, Aktionszeiträume oder Werbeversprechen könnten so abgelegt werden, dass nachträgliche Änderungen transparent und überprüfbar bleiben. Fachpublikationen, die 2024/25 im Retailbereich erschienen sind, skizzieren bereits entsprechende Ansätze für Promotions- und Compliance-Daten.
Nachhaltigkeits- und ESG-Daten
Mit der Corporate Sustainability Reporting Directive steigt der Aufwand für die Erhebung und Dokumentation von Energie-, Abfall- und Emissionsdaten. Filialverbünde müssen nachweisen, wie sich Energieverbrauch, Verpackungsaufkommen und Klimabilanzen entwickeln – und zwar in einer Form, die Prüfern und Behörden eine klare Nachvollziehbarkeit ermöglicht.
Als technische Grundlage, um ESG-Informationen konsistent und unveränderbar zu speichern, käme Blockchain wohl infrage. Für den LEH, der mit energieintensiven Kühlanlagen, großen Abfallmengen und strengen Reportingpflichten arbeitet, könnte dies mittelfristig eine Möglichkeit sein, aufwendige Datensilos zu reduzieren und die Qualität der Berichte zu erhöhen.
Neue Anforderungen durch die EUDI-Wallet
Die europäische EUDI-Wallet setzt auf verifizierbare digitale Nachweise. Diese basieren auf standardisierten, kryptografisch gesicherten Identitätsmodellen wie Verifiable Credentials und Decentralized Identifiers. In einigen EU-Pilotprojekten kommen dafür auch Distributed-Ledger-Technologien zum Einsatz – verpflichtend sind sie jedoch nicht. Für den Handel eröffnet sich damit ein potenzielles Einsatzfeld bei Alterskontrollen, in unbemannten Stores oder beim vereinfachten Login im E-Commerce.
Manipulationssichere digitale Bons, verlässliche Preis- und Aktionsdaten, flexible Loyalitätssysteme, robuste ESG-Nachweise und sichere digitale Identitäten entsprechen konkreten Herausforderungen der Branche. Hier kann Blockchain zu einem Werkzeug werden, das Prozesse stabiler, transparenter und effizienter macht – nicht als zentrale Zukunftsvision, sondern als technologische Option, die sich genau dort entfalten könnte, wo digitale Abläufe im Handel bereits heute unverzichtbar sind.
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