Wenn Julian Nagelsmann über Taktik spricht, hören Millionen zu. Wenn er jetzt über Einkaufsrabatte redet, will Lidl genau diesen Effekt.

Lidl / Foto: Supermarkt-Inside
Der Bundestrainer der deutschen Fußballnationalmannschaft ist neuer Werbebotschafter für die Lidl-Plus-App – und das ausgerechnet zu einem Zeitpunkt, an dem der Discounter wegen seines Umgangs mit Kundendaten massiv in der Kritik steht. Zufall? Wohl kaum.
Supermärkte und Discounter kämpfen längst nicht mehr nur um den günstigsten Preis, sondern um etwas viel Wertvolleres: unsere Daten. Treuepunkte, Bonusprogramme, Apps – der moderne Einkauf gleicht einem digitalen Kuhhandel. Auch Lidl spielt dieses Spiel mit, nur lauter, größer und aggressiver als viele andere. Jetzt soll ein prominentes Gesicht die Debatte drehen.
„Rabatte nur im Tausch gegen Daten“ – und alles halb so wild?
Die Kritik ist nicht neu, aber sie wird schärfer. Verbraucherschützer werfen Lidl vor, Kunden mit der Lidl-Plus-App gezielt in eine Datenfalle zu locken: Wer sparen will, muss zustimmen, dass Einkaufsverhalten, Vorlieben und Nutzungsdaten gesammelt werden. „Rabatte nur im Tausch gegen Daten“ – so lautete der Vorwurf der Verbraucherzentrale, die sogar vor Gericht zog.
Zwar scheiterte die Klage zunächst, doch Entwarnung sieht anders aus. Die Verbraucherschützer wollen vor den Bundesgerichtshof ziehen. Der juristische Streit ist also längst nicht beendet. Für Lidl bleibt ein schaler Beigeschmack: Recht bekommen heißt nicht automatisch, moralisch zu gewinnen. In einer Zeit wachsender Sensibilität für Datenschutz wirkt das Geschäftsmodell der App für viele Kunden mindestens unangenehm.
Doch statt Transparenz oder Selbstkritik setzt Lidl auf eine altbewährte Strategie: Imagewechsel durch Prominenz.
Warum ausgerechnet Julian Nagelsmann?

Julian Nagelsmann ist jung, modern, analytisch – und gilt als ausgesprochen digitalaffin. Genau das macht ihn aus Sicht von der Schwarz Gruppe zum idealen Markenbotschafter. Er stehe für den „überlegten und zielorientierten Einsatz von Technologien“, heißt es aus dem Unternehmen. Übersetzt bedeutet das: Wenn sogar der Bundestrainer eine App nutzt, kann sie ja nicht so problematisch sein.
Nagelsmann ist zudem kein Neuling im Schwarz-Kosmos. Bereits seit Mai 2025 wirbt er für Schwarz Digits, die IT- und Digitalsparte der Schwarz-Gruppe. Die Partnerschaft wird nun ausgeweitet. Der Coach nennt die Lidl-Plus-App „das richtige Werkzeug“, um „mehr aus dem Einkauf herauszuholen“. Worte, die sitzen sollen – besonders bei einer Zielgruppe, die Technik nicht hinterfragt, solange sie bequem ist.
Doch genau hier liegt der Knackpunkt: Geht es wirklich um ein cleveres Werkzeug für Verbraucher – oder um ein hochprofitables Instrument für den Konzern?
100 Millionen Lidl-Plus-App Nutzer – Erfolg oder Warnsignal?

Werbung zum Thema Preisstabilität bei Lidl KW52/2025 Foto: Supermarkt-Inside
Mehr als 100 Millionen Nutzer in Europa zählt Lidl für seine App. Eine beeindruckende Zahl, ohne Frage. Aber sie wirft auch unbequeme Fragen auf. Wie viel wissen Konzerne inzwischen über ihre Kunden? Wie gläsern ist der Alltag beim Einkauf längst geworden? Und wie viele Menschen akzeptieren das, weil ein paar Prozent Rabatt verlockender sind als abstrakte Datenschutzbedenken?
Mit Julian Nagelsmann versucht Lidl, genau diese Fragen zu übertönen. Der Bundestrainer als Vertrauensanker, als moderner Vorzeige-Nutzer, als digitaler Vernunftmensch. Doch Promi-Glanz ersetzt keine echte Debatte. Je lauter Lidl wirbt, desto genauer werden viele hinschauen.
Am Ende bleibt festzuhalten: der Discounter will positive Schlagzeilen – und bekommt sie vielleicht. Ob die Lidl-Plus-App damit aber wirklich sauberer, fairer oder transparenter wird, ist eine ganz andere Frage. Und die wird nicht von Julian Nagelsmann entschieden, sondern möglicherweise bald vom Bundesgerichtshof. Lidl ist aber auch in diesem Fall gut beraten seine alten Tugenden der gelebten Transparenz und Fairness weiterhin zu folgen.
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